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Geflügelte Worte aus Literatur und Theater: 36 Zitate mit Bedeutung

Geflügelte Worte sind Zitate, die sich von ihrem Werk gelöst haben. Man benutzt sie, ohne das Stück gelesen zu haben. Hier stehen bekannte Beispiele, mit dem, was sie bedeuten, und woher sie stammen.

Redewendungen

auf hohem Kothurn einherschreiten

Sich übertrieben feierlich, pathetisch und erhaben geben.

Der Bürgermeister schritt bei der Einweihung des Fahrradständers auf hohem Kothurn einher.

Herkunft: Der Kothurn war ein Schuh mit dicker Sohle, den Schauspieler der antiken Tragödie trugen, um größer und würdevoller zu wirken.

aus dem Off

Von einer Stelle außerhalb des Sichtbaren kommend, sodass man die Quelle nicht sieht.

Mitten in der Präsentation meldete sich aus dem Off eine Stimme: „Folie zwölf fehlt.“

Herkunft: Aus der Film- und Theatersprache: Das Off, nach englisch off, ist der Raum außerhalb von Bildausschnitt oder Bühne.

des Pudels Kern

Der eigentliche Grund oder Kern einer Sache, der sich plötzlich hinter dem Vordergründigen zeigt.

Er wollte gar nicht wandern, er wollte zur Hütte mit dem Apfelstrudel. Das war des Pudels Kern.

Herkunft: Aus Goethes ‚Faust I‘: Ein schwarzer Pudel folgt Faust in sein Studierzimmer und verwandelt sich dort in Mephisto.

ein Ritt über den Bodensee

Ein gewagtes Unternehmen, dessen Gefahr man erst im Nachhinein erkennt.

Die Firmengründung ohne Rücklagen war ein Ritt über den Bodensee, erst heute weiß ich, wie knapp das war.

Herkunft: Nach Gustav Schwabs Ballade „Der Reiter und der Bodensee“ (1826): Ein Reiter überquert ahnungslos den zugefrorenen See, und als man ihm sagt, worüber er geritten ist, fällt er vor Schreck tot vom Pferd.

eine Kapuzinerpredigt halten

Jemandem eine derbe, wortgewaltige Strafrede halten.

Nach der Party hielt uns die Vermieterin eine Kapuzinerpredigt über Ruhezeiten.

Herkunft: Nach der Strafpredigt eines Kapuzinermönchs an die Soldaten in Schillers „Wallensteins Lager“ (1798), die vor Wortspielen und Schelte nur so strotzt.

Gut gebrüllt, Löwe

Anerkennung für einen treffenden, kraftvollen Satz oder Auftritt.

Nach ihrer Rede gegen die Kürzungen klopfte ihr der Vorsitzende auf die Schulter: „Gut gebrüllt, Löwe.“

Herkunft: Aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“: Ein Zuschauer lobt so den Handwerker, der im Laienspiel den Löwen gibt.

jemandem Hekuba sein

Jemandem vollkommen gleichgültig sein.

Die Abseitsregel ist mir Hekuba, ich komme wegen der Würstchen.

Herkunft: Aus Shakespeares „Hamlet“: Hamlet staunt, wie ein Schauspieler um die trojanische Königin Hekuba weint, und fragt: „Was ist ihm Hekuba?“ Gemeint ist: Was geht sie ihn eigentlich an?

Kärrnerarbeit leisten

Mühsame, unauffällige Grundlagenarbeit erledigen, deren Ruhm meist andere ernten.

Die Doktorandin leistet die Kärrnerarbeit, der Professor hält die Vorträge.

Herkunft: Nach Schillers Xenie „Kant und seine Ausleger“: „Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.“

L'art pour l'art

Kunst, die nur um ihrer selbst willen da ist und keinem Zweck dient; übertragen etwas, das man nur der Sache wegen tut.

Seine Tabellen mit Farbverläufen sind reines L'art pour l'art, gelesen werden sie nie.

Herkunft: Losung französischer Dichter und Künstler des 19.

Morgenluft wittern

Eine neue Chance spüren und wieder Hoffnung schöpfen.

Als der Chef in Rente ging, witterte die ewige Stellvertreterin Morgenluft.

Herkunft: Aus Shakespeares „Hamlet“ in der Übersetzung von Schlegel: Der Geist von Hamlets Vater sagt „Doch still!

Schall und Rauch sein

Etwas ohne Substanz oder echte Auswirkung.

Die großen Versprechen vom ersten Date, Kochen für sie und ein Wochenende in Rom, waren nach einem Monat Schall und Rauch.

Herkunft: Aus Goethes ‚Faust‘: In Marthes Garten sagt Faust zu Gretchen: „Name ist Schall und Rauch.“ Was Schall und Rauch ist, verklingt und verweht.

Tschechows Gewehr

Der erzählerische Grundsatz, dass jedes auffällig eingeführte Detail einer Geschichte später auch eine Rolle spielen muss.

Als die Kamera minutenlang auf dem Messer verweilte, flüsterte Elif: „Tschechows Gewehr, pass auf.“

Herkunft: Geht auf den russischen Schriftsteller Anton Tschechow zurück, der sinngemäß schrieb, ein Gewehr, das im ersten Akt an der Wand hängt, müsse spätestens im letzten abgefeuert werden.

viel Lärm um nichts

Eine große Aufregung um etwas Bedeutungsloses.

Der Hund bellte die halbe Nacht, und am Morgen fand man einen Igel. Viel Lärm um nichts.

Herkunft: Deutscher Titel von Shakespeares Komödie ‚Much Ado About Nothing‘.

Wasser predigen und Wein trinken

Von anderen Verzicht verlangen und selbst das Gegenteil tun.

Sie predigt Wasser und trinkt Wein: Handyverbot beim Essen, aber selbst tippt sie unterm Tisch.

Herkunft: Bekannt durch Heinrich Heines Versepos ‚Deutschland.

zwei Seelen in einer Brust

Zwei gegensätzliche Wünsche in sich tragen, die einen hin- und herreißen.

Schon Goethes Faust klagt: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“

Herkunft: Aus Goethes ‚Faust‘: „Zwei Seelen wohnen, ach!

Sprichwörter

Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen

Wer sich oder andere dauerhaft überfordert, riskiert, dass irgendwann alles zusammenbricht.

Seit Monaten macht sie Überstunden ohne Pause, aber allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen.

Herkunft: Ein Vers aus Schillers ‚Wilhelm Tell‘ von 1804.

Das ist der Fluch der bösen Tat

Ein Fehltritt zieht zwangsläufig weitere nach sich, weil man den ersten verdecken muss.

Erst schwänzte er das Training, dann musste er eine Erkältung erfinden und tagelang husten: Das ist der Fluch der bösen Tat.

Herkunft: Aus Schillers „Die Piccolomini“ (1799): „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde

Wer glücklich ist, merkt nicht, wie die Zeit vergeht.

Sie redeten, bis der Wirt die Stühle hochstellte: Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.

Herkunft: Nach Schillers „Piccolomini“ (1799), III.

Der Starke ist am mächtigsten allein

Wer stark ist, kommt ohne Verbündete am besten voran.

Lass mich das Regal allein aufbauen, der Starke ist am mächtigsten allein.

Herkunft: Ausspruch Wilhelm Tells in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ von 1804.

Der Worte sind genug gewechselt

Genug geredet, jetzt muss endlich gehandelt werden.

„Der Worte sind genug gewechselt“, sagte Henrike und klappte den Laptop zu, „morgen bauen wir den Prototyp.“

Herkunft: Aus Goethes „Faust I“, Vorspiel auf dem Theater.

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube

Man hört eine Ankündigung oder ein Versprechen, glaubt aber nicht recht daran.

Der Vermieter verspricht, die Heizung sei bis Freitag repariert. Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Herkunft: Aus Goethes „Faust I“: Faust sagt es in der Osternacht, als er die Glocken und den Chor der Auferstehung hört.

Die Kunst geht nach Brot

Auch Kunstschaffende müssen von etwas leben und richten sich deshalb nach dem, was Geld bringt.

Der Jazzpianist spielt freitags Schlager auf Firmenfeiern. Die Kunst geht nach Brot.

Herkunft: Aus Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ (1772), wo der Maler Conti dem Prinzen so antwortet.

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst

Die Kunst darf leicht und heiter sein und setzt gerade damit dem schweren Alltag etwas entgegen.

Nach der Steuererklärung ging sie ins Kabarett, denn ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.

Herkunft: Schlussvers des Prologs zu Friedrich Schillers „Wallenstein“ von 1798.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Wer um sein Auskommen kämpfen muss, kann sich hohe Grundsätze kaum leisten.

Ich wollte nur noch fair gehandelten Kaffee kaufen, aber am Monatsende gilt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Herkunft: Aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ von 1928, wo der Satz im zweiten Dreigroschen-Finale fällt.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Absicht zählt nicht, Handeln zählt.

Alle fanden die Idee mit der Nachbarschaftshilfe toll, aber es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Herkunft: Aus Erich Kästners Gedicht „Moral“ (1950): „Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es.“ Vollständig zum Sprichwort geworden.

Etwas ist faul im Staate Dänemark

Hier stimmt etwas nicht: Hinter der glatten Fassade ist etwas faul oder verdächtig.

Der Kater sitzt brav neben dem leeren Goldfischglas. Etwas ist faul im Staate Dänemark.

Herkunft: Aus Shakespeares ‚Hamlet‘: Nachdem der Geist des alten Königs erschienen ist, sagt die Wache Marcellus diesen Satz.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie

Die Praxis und das gelebte Leben lehren mehr als jedes Wissen aus Büchern.

Im Geburtsvorbereitungskurs klang alles einfach, doch nach der ersten Nacht mit Baby wusste Dana: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie.

Herkunft: Aus Goethes „Faust I“: Mephisto sagt zu einem Schüler: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.“

Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode

Was verrückt aussieht, folgt bei näherem Hinsehen einer klaren Logik.

Ihr Schreibtisch sieht aus wie nach einem Sturm, aber sie findet jede Rechnung in Sekunden. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Herkunft: Nach Shakespeares „Hamlet“, zweiter Akt: Polonius sagt es über den scheinbar wahnsinnigen Hamlet.

Kleider machen Leute

Äußere Erscheinung bestimmt, wie man behandelt wird.

Im geliehenen Smoking wurde Timo auf der Gala dreimal nach Aktientipps gefragt. Kleider machen Leute.

Herkunft: Ein alter Spruch, schon in lateinischer Form bekannt („vestis virum facit“), bekannt geworden durch Gottfried Kellers Novelle (1874), in der ein Schneidergeselle wegen seines Mantels für einen Grafen gehalten wird.

Man merkt die Absicht und ist verstimmt

Ist die Absicht hinter einer Geste zu durchsichtig, verfehlt sie ihre Wirkung und verärgert.

Der Kollege lobte ihre Präsentation genau eine Minute, bevor er fragte, ob sie seine Schicht übernimmt; man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Herkunft: Nach Goethes Schauspiel „Torquato Tasso“ (1790), wo es heißt: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“

Nulla dies sine linea

Wer etwas können will, sollte jeden Tag wenigstens ein kleines Stück daran arbeiten.

Sie schreibt jeden Morgen eine halbe Seite an ihrem Roman, nach dem Grundsatz nulla dies sine linea.

Herkunft: Nach Plinius dem Älteren ließ der griechische Maler Apelles keinen Tag vergehen, ohne wenigstens eine Linie zu zeichnen.

Sein oder Nichtsein

Es geht ums Ganze: Eine Frage, an der das Bestehen von etwas hängt.

Für den kleinen Plattenladen ist der Winter eine Frage von Sein oder Nichtsein.

Herkunft: Anfang von Hamlets berühmtem Monolog in Shakespeares Tragödie, deutsch von August Wilhelm Schlegel: „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“ Hamlet grübelt darin, ob man das Leben mit all seinen Mühen ertragen oder sich dagegen wehren soll.

Spät kommt ihr, doch ihr kommt

Augenzwinkernde Begrüßung für jemanden, der verspätet, aber immerhin eintrifft.

Als Jakob mit dem Kuchen eine Stunde nach Beginn auftauchte, rief die Gastgeberin: „Spät kommt ihr, doch ihr kommt!“

Herkunft: Eröffnungsvers von Schillers „Die Piccolomini“ (1799), dem zweiten Teil der Wallenstein-Trilogie, mit dem ein verspäteter Offizier begrüßt wird.

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr

Ein Kind zu bekommen geht schnell, es verantwortungsvoll großzuziehen ist die eigentliche Aufgabe.

Seit die Zwillinge da sind, schläft Konrad im Stehen ein und murmelt: „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“

Herkunft: So beginnt Wilhelm Buschs Bildergeschichte „Julchen“ von 1877, in der Tobias Knopp Vater einer Tochter wird.

Vom sicheren Port lässt sich's gemächlich raten

Wer selbst nicht in Schwierigkeiten steckt, hat leicht reden und gute Ratschläge parat.

Mein kinderloser Kollege erklärt mir, wie man ein Kleinkind ins Bett bringt, aber vom sicheren Port lässt sich's gemächlich raten.

Herkunft: Aus Schillers „Wilhelm Tell“ (1804): Der Fischer Ruodi hält es Tell entgegen, als der ihn drängt, bei Sturm über den See zu fahren.

Wer Sorgen hat, hat auch Likör

Ironisch: Wer Kummer hat, findet auch Trost, meist im Glas.

Nach der verpatzten Fahrprüfung stand die Flasche auf dem Küchentisch: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.

Herkunft: Aus Wilhelm Buschs „Die fromme Helene“ (1872): „Es ist ein Brauch von alters her: Wer Sorgen hat, hat auch Likör!“ Der Vers ist zum Sprichwort geworden.