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Philosophische Begriffe einfach erklärt: 36 Wörter mit Beispiel

Viele Wörter aus der Philosophie tauchen in Zeitungen und Gesprächen auf, ohne dass man sie genau erklären könnte. Hier stehen sie kurz und verständlich, jeweils mit einem Beispiel aus dem Alltag.

Wörter

die Akrasia

Wider besseres Wissen handeln: Man weiß genau, was richtig wäre, und tut doch das andere.

Morgen früh Präsentation, trotzdem noch eine Folge: Akrasia in Reinform.

Herkunft: Griechisch akrasía, aus a-, un-, und krátos, Kraft, Herrschaft: sich nicht in der Gewalt haben.

der Amor fati

Die Haltung, das eigene Schicksal mit allen Rückschlägen bejahend anzunehmen, statt es zu beklagen.

Als der Flug gestrichen wurde, buchte Henrike ein Hotel am Meer und nannte es Amor fati.

Herkunft: Lateinische Formel, die Friedrich Nietzsche in „Die fröhliche Wissenschaft“ und „Ecce homo“ zu seinem Lebensideal machte.

die Antinomie

Ein Widerspruch zwischen zwei Aussagen, die beide gut begründet und richtig scheinen.

„Dieser Satz ist falsch.“ Stimmt er, ist er falsch, und umgekehrt: eine klassische Antinomie.

Herkunft: Griechisch antinomia, ‚Widerstreit der Gesetze‘, aus anti, ‚gegen‘, und nomos, ‚Gesetz‘.

die Ataraxie

Unerschütterliche Seelenruhe: ein Zustand, in dem einen nichts aus der Fassung bringt.

Im Seesturm soll der Philosoph Pyrrhon auf ein ungerührt fressendes Schweinchen an Bord gezeigt haben: So sehe Ataraxie aus.

Herkunft: Griechisch ataraxia, Unerschütterlichkeit, aus a-, un-, und tarassein, aufwühlen, verwirren.

das Axiom

Grundsatz, der ohne Beweis als wahr gilt und auf dem alles Weitere aufbaut.

Erstes Axiom jeder Dinnerparty: Es gibt immer zu wenig Eis für die Drinks.

Herkunft: Griechisch axioma, das für würdig Erachtete, von axios, würdig.

deduzieren

Einen Einzelfall logisch aus einer allgemeinen Regel ableiten.

Aus dem WG-Grundsatz „Wer kocht, spült nicht“ deduzierte Malte, dass heute seine Mitbewohnerin abwäscht.

Herkunft: Von lateinisch „deducere“, herabführen: Man führt vom Allgemeinen zum Besonderen hinab.

die Dichotomie

Eine strenge Zweiteilung in zwei Gruppen, die sich gegenseitig ausschließen.

Hundemensch oder Katzenmensch: An dieser Dichotomie scheiden sich ganze Freundeskreise.

Herkunft: Griechisch dichotomia, ‚Zweiteilung‘, aus dicha, ‚entzwei‘, und temnein, ‚schneiden‘.

die Induktion

Schluss vom Einzelfall auf eine allgemeine Regel.

Dreimal hintereinander regnete es, kaum hing die Wäsche draußen. Seine Induktion: Wäsche lockt Regen.

Herkunft: Lateinisch inductio, ‚Hineinführung‘.

inhärent

Einer Sache von Natur aus innewohnend und untrennbar mit ihr verbunden.

Jeder Gründung ist ein gewisses Risiko inhärent.

Herkunft: Von lateinisch „inhaerere“, an etwas haften.

inkommensurabel

So verschieden, dass man es nicht mit demselben Maß messen und vergleichen kann. Fachsprachlich.

Seite und Diagonale eines Quadrats sind inkommensurabel: Kein noch so feines Lineal misst beide ohne Rest.

Herkunft: Spätlateinisch incommensurabilis, ‚nicht mit gleichem Maß messbar‘.

kategorischer Imperativ

Kants oberstes Moralgesetz: Handle nur so, wie es als Regel für alle gelten könnte.

Den letzten Keks nehmen? Ihr kategorischer Imperativ fragt: Was, wenn das alle täten?

Herkunft: Von Immanuel Kant 1785 in der ‚Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘ formuliert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Kategorisch heißt: ohne Wenn und Aber.

kontingent

Kann so sein, hätte aber genauso gut anders kommen können, etwa durch Zufall.

Dass wir uns trafen, war kontingent: ein verpasster Zug, ein freier Stuhl.

Herkunft: Lateinisch contingens, ‚zufällig, möglich‘, zu contingere, ‚berühren, zuteilwerden‘.

die Maieutik

Die Kunst, jemanden durch geschickte Fragen selbst auf die Antwort kommen zu lassen.

„Und was glaubst du, warum der Teig klebt?“ Maieutik in der WG-Küche.

Herkunft: Griechisch maieutikḗ (téchnē), Hebammenkunst.

die Maxime

Ein persönlicher Leitsatz, an dem jemand sein Handeln dauerhaft ausrichtet.

Meine Maxime fürs Wochenende lautet: kein Wecker, keine Mails.

Herkunft: Über französisch maxime aus mittellateinisch maxima regula, „höchste Regel“.

das Memento mori

Eine Mahnung an die eigene Vergänglichkeit, die dazu anhält, bewusst zu leben.

Die Einladung zum Klassentreffen nach zwanzig Jahren war für Leonie ein freundliches Memento mori.

Herkunft: Lateinische Formel, die besonders im Mittelalter und im Barock verbreitet war.

das non sequitur

Ein Schluss, der aus dem zuvor Gesagten gar nicht folgt.

„Er mag Jazz, also passt er zu mir.“ Ihre Mitbewohnerin: „Ein klassisches non sequitur.“

Herkunft: Lateinisch non sequitur, „es folgt nicht“.

Ockhams Rasiermesser

Denkregel: Von mehreren Erklärungen ist meist die mit den wenigsten Annahmen die richtige.

Wenn nachts die Kekse fehlen, braucht es keine Kobolde: Ockhams Rasiermesser zeigt auf den Hund.

Herkunft: Benannt nach dem englischen Franziskaner Wilhelm von Ockham (14.

das Paradigma

Ein grundlegendes Denkmuster, das bestimmt, wie man etwas sieht und erklärt.

Mit Darwin wechselte das Paradigma: Arten galten nicht länger als unveränderlich.

Herkunft: Griechisch paradeigma, ‚Beispiel, Muster‘.

platonisch

Rein freundschaftlich und geistig, ohne erotisches Verlangen.

Seit dem Studium teilen sie Wohnung, Kochtöpfe und Katze, alles streng platonisch.

Herkunft: Nach Platon, in dessen „Symposion“ die Liebe von schönen Körpern zur Schönheit selbst aufsteigt.

postulieren

Als Voraussetzung annehmen, ohne sie zu beweisen.

Wolfgang Pauli postulierte das Neutrino 1930, nachgewiesen wurde es erst 1956.

Herkunft: Lateinisch postulare, ‚fordern‘.

der Rigorismus

Starres, kompromissloses Festhalten an moralischen Grundsätzen ohne Rücksicht auf die Umstände.

Mit ihrem Rigorismus verbietet sie in der WG sogar Kaffee aus Kapseln.

Herkunft: Von lateinisch rigor, Starrheit; ursprünglich ein Begriff der Moraltheologie für eine besonders strenge Sittenlehre.

scholastisch

Auf spitzfindige Begriffsunterscheidungen versessen und dabei fern der praktischen Wirklichkeit.

Ob Tomaten nun Obst oder Gemüse sind, ist mir zu scholastisch, ich will wissen, ob sie in den Salat kommen.

Herkunft: Nach der Scholastik, der Schulphilosophie des Mittelalters, die Glaubenssätze mit feinsten logischen Unterscheidungen begründete.

das Stachelschweindilemma

Das Problem, dass Menschen Nähe suchen, einander dabei aber wehtun und deshalb einen erträglichen Abstand finden müssen.

Seit wir zu viert im Homeoffice sitzen, erleben wir das Stachelschweindilemma jeden Tag am Küchentisch.

Herkunft: Geht auf eine Parabel von Arthur Schopenhauer in „Parerga und Paralipomena“ von 1851 zurück: Frierende Stachelschweine rücken zusammen, stechen sich und finden schließlich einen mittleren Abstand.

stoisch

Unerschütterlich, ohne Klage und ohne sichtbare Regung, was auch passiert.

Stoisch ertrug der Vater die vierte Wiederholung des Lieblingslieds.

Herkunft: Von griechisch stoa, ‚Säulenhalle‘.

das Trolley-Problem

Das Gedankenexperiment, ob man einen Menschen opfern darf, um mehrere zu retten, und ob Nichtstun weniger schwer wiegt als Eingreifen.

Ob das selbstfahrende Auto ausweichen soll, ist im Grunde ein Trolley-Problem auf Rädern.

Herkunft: Die Philosophin Philippa Foot stellte das Gedankenexperiment 1967 vor, ihre Kollegin Judith Jarvis Thomson gab ihm später den Namen.

die Weltanschauung

Die Gesamtsicht eines Menschen auf Welt, Leben und Werte.

Hund oder Katze? In manchen Familien ist das eine Frage der Weltanschauung.

Herkunft: Das Wort geht auf Immanuel Kant zurück, der es 1790 in der „Kritik der Urteilskraft“ verwendete.

Redewendungen

sub specie aeternitatis

Aus der Sicht der Ewigkeit betrachtet, also losgelöst von Zeit und Tagesinteressen.

Sub specie aeternitatis ist es egal, ob der Kuchen etwas schief geworden ist, sagte Tante Gisela und schnitt ihn an.

Herkunft: Die lateinische Formel stammt aus Baruch de Spinozas „Ethik“ von 1677, in der die Vernunft die Dinge unter dem Blickwinkel der Ewigkeit erfasst.

Tabula rasa

Ein völlig leerer Neuanfang. Meist in: Tabula rasa machen, also radikal aufräumen und bei null beginnen.

Nach dem Umzug machte sie Tabula rasa: Von drei Kisten Kleidung blieb eine.

Herkunft: Die Römer schrieben auf Wachstafeln, die man glatt strich, um neu zu beginnen.

Sprichwörter

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Im Zusammenspiel entstehen Eigenschaften, die sich aus den einzelnen Bestandteilen allein nicht erklären lassen.

Einzeln sind unsere Spieler Mittelmaß, zusammen fast unschlagbar, das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

Herkunft: Geht sinngemäß auf Aristoteles zurück.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Ohne Ordnung und Regeln werden Menschen einander zur größten Gefahr.

Beim Schlussverkauf um sieben Uhr früh wusste ich: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Herkunft: Lateinisch „homo homini lupus“, schon beim römischen Komödiendichter Plautus belegt.

Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung

Eine Epoche oder Entwicklung versteht man erst richtig, wenn sie bereits zu Ende geht.

Erst beim Ausräumen der WG verstanden wir, was sie uns bedeutet hatte, die Eule der Minerva beginnt ihren Flug eben erst in der Dämmerung.

Herkunft: Aus der Vorrede zu Hegels „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ von 1820.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt

Was man nicht in Worte fassen kann, kann man auch kaum denken oder wahrnehmen.

Seit ich Japanisch lerne, verstehe ich den Satz: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Herkunft: Satz 5.6 aus Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ von 1921.

Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss

Situationen kehren nie identisch wieder. Auch wir verändern uns.

Das alte Lieblingscafé in Rom war nicht mehr dasselbe: Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.

Herkunft: Nach Heraklit (um 500 v.

Sapere aude

Aufforderung, den eigenen Verstand zu gebrauchen, statt sich blind auf andere zu verlassen.

Bevor du die nächste Wundergeschichte weiterleitest: sapere aude.

Herkunft: Ein Vers des römischen Dichters Horaz, den Immanuel Kant 1784 zum Wahlspruch der Aufklärung machte.

Si tacuisses, philosophus mansisses

Hättest du geschwiegen, hätte man dich weiter für klug gehalten.

Der Gast lobte das Essen überschwänglich, bis er fragte, ob das Tiramisu gekauft sei; si tacuisses, philosophus mansisses.

Herkunft: Nach einer Anekdote aus Boethius’ „Trost der Philosophie“: Ein Möchtegern-Philosoph will für sein Schweigen gelobt werden und erhält die Antwort, er wäre einer gewesen, hätte er weiter geschwiegen.

Was mich nicht umbringt, macht mich stärker

Überstandene Krisen und Rückschläge härten ab und lassen einen innerlich wachsen.

Nach dem Umzug ohne Aufzug in den fünften Stock keuchte Wiebke nur: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Herkunft: Aus Friedrich Nietzsches „Götzen-Dämmerung“ von 1889, wo der Satz unter der Überschrift „Aus der Kriegsschule des Lebens“ steht.