gutgesagt

Politische Begriffe einfach erklärt: 30 Wörter mit Beispiel

In Nachrichten und Talkshows fallen Wörter, die man ungefähr versteht, aber selten selbst benutzt. Hier stehen Begriffe aus Politik und Macht mit ihrer Bedeutung und einem Beispiel.

der Apparatschik

Funktionär, der Vorschriften und Abläufe seines Apparats über alles stellt und kaum eigene Ideen zeigt.

Statt Visionären sitzen im Verband nur noch Apparatschiks, die Sitzungsprotokolle lieben.

Herkunft: Aus dem Russischen, ursprünglich für die Funktionäre im Partei- und Staatsapparat der Sowjetunion.

der Burgfrieden

Ein vorübergehender Verzicht auf alle Streitigkeiten, um gemeinsam eine äußere Bedrohung zu bestehen.

Solange die Schwiegermutter zu Besuch ist, herrscht zwischen Lukas und mir Burgfrieden.

Herkunft: Im Mittelalter galt innerhalb einer Burg ein besonderer Friede, der Fehden unter den Bewohnern verbot.

der Canossagang

Ein demütigender Bittgang: Man muss zu jemandem hin, sich entschuldigen oder nachgeben.

Nach dem vergessenen Jahrestag stand sein Canossagang an: mit Blumen, Torte und sehr kleiner Stimme.

Herkunft: König Heinrich IV.

die Fronde

Eine Gruppe, die sich innerhalb einer Organisation gegen deren eigene Führung stellt.

Im Aufsichtsrat formiert sich eine Fronde gegen die Vorsitzende.

Herkunft: Nach dem Aufstand der Fronde gegen die französische Krone um 1650; der Name soll von den Schleudern der Pariser Straßenjungen kommen.

die Gerontokratie

Herrschaft der Alten, bei der die ältesten Mitglieder einer Gemeinschaft die Macht in Händen halten.

Im Karnevalsverein herrscht eine heitere Gerontokratie: Wer unter siebzig ist, darf höchstens die Kamelle werfen.

Herkunft: Gebildet aus griechisch geron, Greis, und kratia, Herrschaft.

der Günstling

Jemand, der von einem Mächtigen bevorzugt und protegiert wird.

Als Günstling der Köchin bekam der Hofhund stets die besten Knochen.

Herkunft: Abgeleitet von Gunst, das auf dieselbe Wurzel zurückgeht wie gönnen.

die Hegemonie

Vorherrschaft eines Staates oder einer Gruppe über andere, oft ohne offenen Zwang.

Im antiken Griechenland stritten Athen und Sparta lange um die Hegemonie.

Herkunft: Von griechisch hēgemonía, ‚Führung, Oberbefehl‘, zu hēgemṓn, ‚Anführer‘.

das Interregnum

Die Zeit ohne regulären Herrscher oder Chef, bis die Nachfolge geklärt ist.

Zwischen altem und neuem Barchef herrschte ein Interregnum: Jeder mixte, was er wollte.

Herkunft: Lateinisch inter, zwischen, und regnum, Herrschaft.

das Junktim

Die feste Verknüpfung zweier Vorhaben: Das eine gibt es nur, wenn auch das andere kommt.

Ihr Junktim fürs Wochenende: Sie kommt mit zum Wandern, wenn er danach mit ins Musical geht.

Herkunft: Von lateinisch iunctim, vereint, zu iungere, verbinden.

der Kadavergehorsam

Eine blinde Unterordnung, die jeden Befehl ohne eigenes Urteil ausführt.

Der neue Chef wünscht sich Kadavergehorsam, bekommt aber ein Team voller Rückfragen.

Herkunft: Geht auf die Ordensregeln des Ignatius von Loyola zurück, der von Jesuiten Gehorsam „perinde ac cadaver“ verlangte, wie ein Leichnam, der sich willenlos bewegen lässt.

die Kamarilla

Clique von Günstlingen, die im Hintergrund einen Mächtigen lenkt, ohne Amt und ohne Verantwortung.

Wer im Chor ein neues Lied will, muss erst an der Kamarilla um die Dirigentin vorbei.

Herkunft: Spanisch camarilla, Kämmerchen, zu cámara, Kammer.

die Kanzlerdämmerung

Die Endphase einer Amtszeit, in der die Autorität des Regierungschefs sichtbar bröckelt und sein Rückzug absehbar wird.

Als die eigene Fraktion offen über Nachfolger sprach, schrieben die Zeitungen von Kanzlerdämmerung.

Herkunft: Gebildet nach Götterdämmerung, dem Untergang der Götter in der nordischen Sage, den Richard Wagner zum Titel einer Oper machte.

lavieren

Sich geschickt zwischen Schwierigkeiten oder Lagern hindurchmanövrieren, ohne klar Position zu beziehen.

Seit Wochen laviert die Bürgermeisterin zwischen Anwohnern und Investoren und sagt keinem etwas Verbindliches.

Herkunft: Aus der Seefahrt, wo lavieren das Kreuzen gegen den Wind bezeichnet; ins Deutsche kam es aus dem Niederländischen.

das Moratorium

Eine vereinbarte Pause: Etwas wird für eine bestimmte Zeit offiziell ausgesetzt.

Seit 1986 gilt ein weltweites Moratorium für den kommerziellen Walfang.

Herkunft: Von spätlateinisch moratorius, ‚verzögernd‘, zu mora, ‚Verzug, Aufschub‘.

die Narrenfreiheit

Das Vorrecht, sich Dinge herauszunehmen, die man anderen übelnehmen würde.

Als Jüngster der Familie genießt Anton beim Weihnachtsessen Narrenfreiheit.

Herkunft: Vom Hofnarren, der an Fürstenhöfen Dinge aussprechen durfte, für die andere bestraft worden wären.

der Nepotismus

Die Bevorzugung von Verwandten, wenn Posten und Ämter vergeben werden. Abwertend.

Nepotismus in Purpur: Papst Paul III. machte seinen Enkel Alessandro Farnese schon mit vierzehn Jahren zum Kardinal.

Herkunft: Über italienisch nepotismo von lateinisch nepos, ‚Neffe, Enkel‘.

die Nibelungentreue

Eine bedingungslose Loyalität, an der man festhält, selbst wenn sie alle Beteiligten ins Verderben reißt.

Aus purer Nibelungentreue verteidigte der Ortsverband seinen Bürgermeister noch, als die Akten längst auf dem Tisch lagen.

Herkunft: Nach dem Nibelungenlied, in dem die Burgunder ihrem Gefolgsmann Hagen bis in den gemeinsamen Untergang die Treue halten.

die Nomenklatura

Die Führungsschicht eines Staates oder Apparats, die die wichtigen Posten unter sich verteilt.

Die Nomenklatura des Kleingartenvereins besetzt seit Jahren jeden Posten, vom Kassenwart bis zum Grillmeister.

Herkunft: Russisch nomenklatura, aus lateinisch nomenclatura, Namensverzeichnis.

die Obstruktion

Aktive Behinderung oder Blockade. Absichtliche Verzögerung.

Die Katze betreibt Obstruktion: Sie legt sich immer genau auf die Zeitung, die ich lesen will.

Herkunft: Von lateinisch obstruere, ‚verbauen, versperren‘.

die Ochlokratie

Herrschaft des Pöbels: Die aufgebrachte Menge bestimmt, Gesetz und Maß gelten nichts mehr.

Im Festivalcamp herrschte nachts Ochlokratie: Die Lautesten bestimmten die Musik.

Herkunft: Aus griechisch óchlos, Menge, Pöbel, und krateín, herrschen.

die Plutokratie

Herrschaft der Reichen, in der Geld über politische Macht entscheidet.

Wenn nur noch Milliardäre Wahlkämpfe finanzieren, nähert sich eine Demokratie der Plutokratie.

Herkunft: Aus griechisch plutos, Reichtum, und kratein, herrschen.

der Potentat

Herrscher mit großer, oft selbstherrlich ausgeübter Macht.

Der Potentat ließ sich in jeder Stadt ein Denkmal errichten.

Herkunft: Von lateinisch potentatus, Macht, Herrschaft, zu potens, mächtig.

die Realpolitik

Politik, die sich nach dem Machbaren und nach nüchternen Interessen richtet statt nach Idealen.

Das Englische hat das Wort Realpolitik einfach aus dem Deutschen übernommen.

Herkunft: Den Begriff prägte der Publizist Ludwig August von Rochau 1853 mit seiner Schrift ‚Grundsätze der Realpolitik‘.

der Reptilienfonds

Ein geheimer Geldtopf, aus dem eine Regierung ohne Kontrolle Einfluss kauft und Presse oder Gegner gefügig macht.

Der Historiker zeigte, wie aus dem Reptilienfonds freundliche Zeitungsartikel bezahlt wurden.

Herkunft: Otto von Bismarck nannte 1869 die Gegner seiner Regierung „bösartige Reptilien“.

der Sachzwang

Ein Druck durch die Umstände, der einem scheinbar keine Wahl lässt.

Dass das Freibad schon im August schließt, nennt die Stadt einen Sachzwang: Es fehlen Rettungsschwimmer.

Herkunft: Populär wurde das Wort in der Technokratie-Debatte der 1960er Jahre.

die Sprachregelung

Eine vorab abgestimmte Formulierung, an die sich alle Beteiligten nach außen halten.

Die interne Sprachregelung lautet „Neuausrichtung“, das Wort Stellenabbau fällt in keiner Mail.

Herkunft: Zusammengesetzt aus Sprache und Regelung.

der Steigbügelhalter

Jemand, der einem anderen, oft einem Zweifelhaften, zur Macht verhilft. Abwertend.

Der alte Graf spielte den Steigbügelhalter für den jungen Prinzen und bereute es schon im ersten Winter.

Herkunft: Wer einem Reiter den Steigbügel hält, hilft ihm aufs Pferd.

der Strippenzieher

Jemand, der aus dem Hintergrund Menschen und Entscheidungen lenkt, ohne selbst in Erscheinung zu treten.

Hinter der überraschenden Kandidatur vermuteten viele einen erfahrenen Strippenzieher aus der Parteizentrale.

Herkunft: Strippe ist ein norddeutsches Wort für Schnur oder Bindfaden.

die Symbolpolitik

Maßnahmen, die vor allem gut aussehen sollen und kaum etwas bewirken.

Ein einziger Fahrradständer vor dem Rathaus? Reine Symbolpolitik.

Herkunft: Symbol geht auf griechisch sýmbolon zurück, ‚Erkennungszeichen‘.

der Ukas

Anordnung von oben, die keinen Widerspruch duldet.

Per Ukas aus der Zentrale gilt ab Montag wieder Anwesenheitspflicht im Büro.

Herkunft: Aus dem Russischen „ukaz“, so hießen die Erlasse des Zaren.