Psychologische Begriffe einfach erklärt: 30 Wörter für Verhalten
Für vieles, was Menschen tun, gibt es einen genauen Begriff. Hier stehen Wörter aus Psychologie und Verhalten, mit denen man beschreiben kann, was man beobachtet.
der Abwehrmechanismus
Eine meist unbewusste seelische Strategie, mit der man sich vor schmerzhaften Gefühlen oder unbequemen Einsichten schützt.
Sein ständiger Sarkasmus ist vermutlich nur ein Abwehrmechanismus, damit ihm niemand zu nahe kommt.
Herkunft: Der Begriff stammt aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds.
die Alexithymie
Die Schwierigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen und in Worte zu fassen.
„Wie geht es dir?“ „Passt schon.“ Sie nannte das liebevoll seine Alexithymie.
Herkunft: Aus griechisch a-, nicht, lexis, Wort, und thymos, Gemüt.
die Ambivalenz
Das Nebeneinander gegensätzlicher Gefühle für dieselbe Sache, etwa Freude und Angst zugleich.
Mit leiser Ambivalenz liest sie ihr Horoskop: Sie hält nichts von Sternzeichen und freut sich trotzdem, wenn Waage gut wegkommt.
Herkunft: Gebildet aus lateinisch ambo, ‚beide‘, und valere, ‚gelten‘.
der Ankereffekt
Neigung, sich bei Schätzungen und Verhandlungen unbewusst an einer zuerst genannten Zahl zu orientieren, auch wenn sie willkürlich ist.
Der Makler nannte zuerst einen absurden Preis und nutzte so den Ankereffekt.
Herkunft: Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben ihn 1974, unter anderem mit einem präparierten Glücksrad.
der Belohnungsaufschub
Fähigkeit, auf eine sofortige Belohnung zu verzichten, um später eine größere zu bekommen.
Monatelang auf Restaurantbesuche zu verzichten, um die Weltreise zu finanzieren, ist Belohnungsaufschub in Reinform.
Herkunft: Bekannt wurde das Konzept durch den Marshmallow-Test des Psychologen Walter Mischel in den späten 1960er Jahren.
der Bestätigungsfehler
Denkfehler: Man achtet vor allem auf Hinweise, die die eigene Meinung stützen, und übersieht, was dagegen spricht.
Er schwört, es regne immer, wenn er das Auto wäscht. An die sonnigen Waschtage erinnert er sich nie: klassischer Bestätigungsfehler.
Herkunft: Lehnübersetzung von englisch confirmation bias.
die Dissonanz
Innerer Widerspruch, wenn man anders handelt, als man eigentlich denkt. In der Musik: Missklang.
Er liebt Tiere und isst trotzdem gern Wurst; die Dissonanz spürt er bei jedem Grillfest.
Herkunft: Von lateinisch dissonare, ‚misstönen‘.
der Dunning-Kruger-Effekt
Wer wenig weiß, überschätzt sich oft besonders, weil ihm gerade das Wissen fehlt, die eigenen Fehler zu sehen.
Nach drei Folgen einer Kochshow wollte er das Weihnachtsmenü allein stemmen: Dunning-Kruger-Effekt in Reinform.
Herkunft: Benannt nach den US-Psychologen David Dunning und Justin Kruger, die den Effekt 1999 in einer Studie beschrieben.
erlernte Hilflosigkeit
Zustand, in dem jemand nach wiederholten Misserfolgen gar nicht mehr versucht, seine Lage zu ändern, selbst wenn es möglich wäre.
Nach fünf abgelehnten Anträgen ist im Verein eine Art erlernte Hilflosigkeit eingezogen.
Herkunft: Lehnübersetzung von englisch learned helplessness.
Freudscher Versprecher
Ein Versprecher, der unfreiwillig verrät, was man eigentlich denkt oder sich wünscht.
Die Moderatorin wollte den Gast als „geschätzt“ ankündigen und sagte „geschwätzig“. Ein Freudscher Versprecher, der Saal lachte.
Herkunft: Sigmund Freud deutete in ‚Zur Psychopathologie des Alltagslebens‘ (1901) Versprecher als Botschaften verdrängter Wünsche.
die Frustrationstoleranz
Die Fähigkeit, Enttäuschungen, Rückschläge und Wartezeiten auszuhalten, ohne gleich die Fassung zu verlieren.
Wer morgens mit Kleinkindern Schuhe anzieht, braucht eine hohe Frustrationstoleranz.
Herkunft: Frustration kommt von lateinisch frustra, ‚vergeblich‘.
das Gaslighting
Gezielte Manipulation, die einen Menschen an seiner eigenen Wahrnehmung und Erinnerung zweifeln lässt.
Wenn er jedes Mal behauptet, das habe er nie gesagt, obwohl sie es schwarz auf weiß hat, ist das Gaslighting.
Herkunft: Der Begriff geht auf das Theaterstück „Gas Light“ von 1938 zurück, in dem ein Ehemann das Gaslicht flackern lässt und seiner Frau einredet, sie bilde sich das nur ein.
der Habitus
Gesamtes Auftreten und Verhalten eines Menschen, das Herkunft und Haltung verrät.
Mit seinem Habitus eines Landadligen fiel er im Hörsaal sofort auf.
Herkunft: Von lateinisch „habitus“, Haltung, Erscheinung, zu „habere“, haben, halten.
das Hochstapler-Syndrom
Das nagende Gefühl erfolgreicher Menschen, ihren Erfolg nicht verdient zu haben und bald als Blender aufzufliegen.
Frisch zur Küchenchefin befördert, fürchtet sie jeden Abend, jemand könnte merken, dass sie nur Glück hatte: Hochstapler-Syndrom.
Herkunft: Übersetzung des englischen impostor phenomenon, das die US-Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes 1978 beschrieben.
der Hypochonder
Jemand, der ständig fürchtet, krank zu sein, und harmlose Zipperlein für ernste Leiden hält.
Argan, die Hauptfigur in Molières ‚Der eingebildete Kranke‘, ist der berühmteste Hypochonder der Theatergeschichte.
Herkunft: Von griechisch hypochóndrion „Bauchgegend unter den Rippenknorpeln“: Die antike Medizin vermutete dort den Sitz von Schwermut und eingebildeten Leiden.
die Konfabulation
Eine erfundene Erinnerung, die eine Gedächtnislücke füllt und die man selbst für wahr hält.
Wer zahlte die letzte Runde? Jeder am Tisch hatte seine eigene, felsenfeste Konfabulation.
Herkunft: Von lateinisch confabulari, plaudern, zu fabula, Erzählung.
die Kontrollillusion
Der Glaube, Dinge im Griff zu haben, die in Wahrheit vom Zufall abhängen oder außerhalb der eigenen Macht liegen.
Wer beim Würfeln für eine Sechs kräftiger wirft als für eine Eins, erliegt einer Kontrollillusion.
Herkunft: Lehnübersetzung von englisch illusion of control.
der Melancholiker
Ein Mensch mit schwermütigem, grüblerischem Gemüt, der leicht in Traurigkeit versinkt.
Der Melancholiker in unserer Runde hört im Auto nur Lieder über verpasste Gelegenheiten.
Herkunft: Nach der antiken Lehre von den vier Körpersäften sollte ein Übermaß an schwarzer Galle, griechisch „melaina cholé“, schwermütig machen.
der Narzissmus
Übersteigerte Selbstverliebtheit: Man kreist um sich selbst und braucht ständig Bewunderung.
Zwanzig Selfies vor dem Sonnenuntergang und kein einziges vom Sonnenuntergang: ein Hauch von Narzissmus.
Herkunft: Nach Narziss aus der griechischen Sage, der sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebte, erzählt etwa bei Ovid.
passiv-aggressiv
Auf verdeckte Weise feindselig, etwa durch Schweigen, Verzögern oder spitze Bemerkungen anstelle von offenem Widerspruch.
Der Zettel „Schön, dass manche hier ihr Geschirr spülen“ war ziemlich passiv-aggressiv.
Herkunft: Aus dem Englischen.
das Peter-Prinzip
These, dass in Hierarchien jeder so lange befördert wird, bis er eine Stelle erreicht, der er nicht mehr gewachsen ist.
Der brillante Programmierer wurde zum Teamleiter befördert und ist jetzt ein Paradebeispiel für das Peter-Prinzip.
Herkunft: Es stammt aus dem satirischen Buch „The Peter Principle“ von Laurence J.
die Rationalisierung
In der Psychologie: nachträgliche vernünftige Begründung für ein Verhalten, das andere Ursachen hat. In der Wirtschaft: Umgestaltung von Abläufen, um effizienter zu arbeiten.
„Die Schuhe waren im Angebot“, sagte sie, und wir wussten: reine Rationalisierung.
Herkunft: Zu lateinisch ratio, ‚Vernunft‘.
die Reaktanz
Innerer Widerstand, wenn man seine Freiheit bedroht sieht: Man will erst recht das Gegenteil tun.
Seit seine Eltern ihm das Studienfach vorschreiben wollen, zeigt Valentin pure Reaktanz.
Herkunft: Der Begriff geht auf den amerikanischen Psychologen Jack Brehm zurück, der die Theorie 1966 vorstellte.
der Sanguiniker
Lebhafter, heiterer und leicht zu begeisternder Mensch, der Stimmungen schnell wechselt und selten lange grollt.
Als echter Sanguiniker hat Lasse nach zehn Minuten schon wieder gute Laune, egal wie der Tag lief.
Herkunft: Aus der antiken Lehre der vier Temperamente: Überwiegt das Blut, lateinisch „sanguis“, gilt der Mensch als heiter und lebhaft.
selbsterfüllende Prophezeiung
Eine Erwartung, die sich gerade dadurch erfüllt, dass man an sie glaubt und sich unbewusst danach richtet.
Wer vor dem Date denkt, dass er sowieso langweilig ist, macht daraus schnell eine selbsterfüllende Prophezeiung.
Herkunft: Den Begriff prägte der amerikanische Soziologe Robert K.
die Selbstwirksamkeit
Die Überzeugung, schwierige Aufgaben aus eigener Kraft meistern zu können.
Seit sie ihr Fahrrad selbst repariert hat, traut sie sich auch an die Waschmaschine: Selbstwirksamkeit wächst mit jedem Erfolg.
Herkunft: Lehnübersetzung von englisch self-efficacy, einem Begriff des kanadisch-amerikanischen Psychologen Albert Bandura aus dem Jahr 1977.
die Sunk-Cost-Falle
Neigung, an einem Vorhaben festzuhalten, nur weil man schon viel Zeit, Geld oder Mühe hineingesteckt hat.
Die Firma steckt weiter Geld in das gescheiterte Projekt und tappt damit in die Sunk-Cost-Falle.
Herkunft: Aus der Wirtschaftswissenschaft, wo sunk costs Geld meint, das unwiederbringlich weg ist.
der Zeigarnik-Effekt
Phänomen, dass man sich an unterbrochene oder unerledigte Aufgaben besser erinnert als an abgeschlossene.
Serien enden mit einem Cliffhanger, weil der Zeigarnik-Effekt uns zur nächsten Folge treibt.
Herkunft: Benannt nach der Psychologin Bljuma Zeigarnik, die ihn 1927 in Berlin untersuchte, angeregt durch Kellner, die offene Bestellungen besser behielten als bezahlte.
der Zuschauereffekt
Phänomen, dass Menschen in Notlagen umso seltener eingreifen, je mehr andere anwesend sind.
Im vollen Zug half niemand der Frau mit dem schweren Koffer, ein typischer Zuschauereffekt.
Herkunft: Lehnübersetzung von englisch bystander effect.
das Über-Ich
Die innere Instanz eines Menschen, die verinnerlichte Gebote, Verbote und das Gewissen verkörpert.
Mein Über-Ich meldet sich jedes Mal, wenn ich nachts bei Rot über die leere Straße gehen will.
Herkunft: Den Begriff führte Sigmund Freud 1923 in seiner Schrift „Das Ich und das Es“ ein, als Gegenspieler des triebhaften Es.
