Begriffe aus der griechischen Mythologie: 36 Wörter, die wir heute noch benutzen
Wer von einer Sisyphusarbeit spricht oder von Hybris, erzählt nebenbei eine griechische Sage. Hier stehen Wörter und Wendungen aus der Mythologie, mit ihrer heutigen Bedeutung und der Geschichte dahinter.
Wörter
apollinisch
Von klarer, maßvoller, harmonischer Schönheit. Nach dem Gott Apoll, Gegenstück zu dionysisch.
Nach der wilden Jazznacht wirkte das Bachkonzert am Sonntagmorgen geradezu apollinisch.
Herkunft: Das Begriffspaar apollinisch und dionysisch machte Friedrich Nietzsche 1872 mit „Die Geburt der Tragödie“ berühmt.
das Danaergeschenk
Ein Geschenk, das dem Beschenkten Unheil bringt, wie einst das hölzerne Pferd vor Troja.
Die geerbte Immobilie war ein Danaergeschenk: entzückend und sanierungsbedürftig.
Herkunft: Die Danaer sind bei Homer die Griechen.
dionysisch
Rauschhaft und ausgelassen, ohne jedes Maß, wie bei den Festen für Dionysos, den Gott des Weins.
Um drei Uhr früh tanzte die halbe Hochzeitsgesellschaft barfuß im Brunnen: ein dionysisches Fest.
Herkunft: Als Gegenpol zum Apollinischen machte Friedrich Nietzsche den Begriff 1872 in „Die Geburt der Tragödie“ berühmt.
die Drachensaat
Eine Handlung, aus der später Streit und Unheil hervorgehen, die sich gegen den Urheber selbst richten.
Mit seinen Lästereien über die Kollegen hat Gregor eine Drachensaat ausgebracht, die nun aufgeht.
Herkunft: In der griechischen Sage sät Kadmos die Zähne eines erschlagenen Drachen, und aus der Erde wachsen bewaffnete Männer, die sich gegenseitig bekämpfen.
die Hekatombe
Eine erschreckend große Zahl von Opfern oder Verlusten.
Der erste Frost richtete auf Konstantins Balkon eine Hekatombe unter den Tomatenpflanzen an.
Herkunft: Im antiken Griechenland ein feierliches Opfer von ursprünglich hundert Rindern, zu „hekaton“, hundert.
die Hybris
Selbstüberschätzung, die den eigenen Sturz vorbereitet.
Als ein Sturm seine Brücke zerriss, ließ Perserkönig Xerxes dem Meer dreihundert Peitschenhiebe verpassen: Hybris in Reinform.
Herkunft: Griechisch hýbris, ‚Übermut, Frevel‘.
die Hydra
Ein Übel, das für jedes gelöste Problem zwei neue hervorbringt. Nach der vielköpfigen Schlange der griechischen Sage.
Die Bürokratie erwies sich als Hydra: Für jedes gestrichene Formular kamen zwei neue.
Herkunft: In der Sage tötet Herakles die Wasserschlange von Lerna.
der Ikarusflug
Übermütiger Höhenflug, der im Absturz endet.
Nach drei Glückstreffern setzte er im Casino alles auf Rot, ein Ikarusflug, der vor Mitternacht endete.
Herkunft: Nach Ikarus, der in der Sage mit Flügeln aus Federn und Wachs aus Kreta floh.
der Kairos
Der günstige Augenblick, den man beim Schopf packen muss, weil er nicht wiederkommt.
Sie lachte, die Band machte Pause. Er erkannte den Kairos und fragte nach ihrer Nummer.
Herkunft: Griechisch kairós, der rechte Zeitpunkt.
das Medusenhaupt
Ein Anblick, der den Betrachter vor Entsetzen erstarren lässt.
Der Kontoauszug nach dem Urlaub war ein Medusenhaupt, bei dem Flora kurz das Atmen vergaß.
Herkunft: Medusa war in der griechischen Sage eine Gorgone, deren Blick jeden versteinerte.
der Narziss
Ein Mensch, der vor allem in sich selbst verliebt ist und ständig Bewunderung sucht.
Er postet täglich zwölf Selfies und kommentiert sie selbst: ein Narziss wie aus dem Bilderbuch.
Herkunft: In Ovids ‚Metamorphosen‘ ist Narziss ein schöner Jüngling, der die Nymphe Echo verschmäht.
die Nemesis
Gerechte Strafe, die auf Überheblichkeit folgt. Heute auch: der ewige Gegenspieler.
Der Kater jagt jede Maus im Haus, aber der Staubsauger bleibt seine Nemesis.
Herkunft: Nemesis ist in der griechischen Mythologie die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.
der Nestor
Ältester und hochangesehener Vertreter eines Fachs oder Kreises. Nach dem weisen alten König in Homers Ilias.
Der Nestor unseres Wandervereins kennt jeden Pfad im Harz seit sechzig Jahren.
Herkunft: In der ‚Ilias‘ hat Nestor, König von Pylos, bereits zwei Menschengeschlechter überlebt und herrscht über das dritte.
die Panazee
Ein Mittel, das angeblich gegen alle Übel hilft.
Mehr Meetings sind keine Panazee für schlechte Kommunikation.
Herkunft: Nach Panakeia, der griechischen Göttin der Heilung und Tochter des Asklepios.
die Penelopearbeit
Eine langwierige Arbeit, die nie fertig wird, oft weil das Erreichte immer wieder zunichtegemacht wird.
Die Verwaltungsreform ist eine Penelopearbeit: Was der eine Ausschuss beschließt, kippt der nächste wieder.
Herkunft: In der Odyssee vertröstet Penelope ihre Freier, bis sie das Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes fertig gewebt habe.
der Pygmalion
Jemand, der einen anderen Menschen nach seinem eigenen Idealbild formt und erzieht.
In ‚My Fair Lady‘ spielt Professor Higgins den Pygmalion: Er bringt der Blumenverkäuferin Eliza feines Englisch bei.
Herkunft: In Ovids ‚Metamorphosen‘ schnitzt der Bildhauer Pygmalion eine Frau aus Elfenbein und verliebt sich in sie, Venus erweckt sie zum Leben.
sibyllinisch
Geheimnisvoll und vieldeutig, sodass man den Sinn erst deuten muss.
Auf die Frage, ob sie zur Party kommt, antwortete Nele sibyllinisch: „Wenn der Mond mitspielt.“
Herkunft: Nach den Sibyllen, weissagenden Frauen der Antike, deren Sprüche bewusst rätselhaft formuliert waren.
der Sirenengesang
Verführerisches Angebot, das ins Verderben lockt.
Dem Sirenengesang der Sonderangebote erlag sie im Duty-free-Shop sofort.
Herkunft: In Homers ‚Odyssee‘ locken die Sirenen Seefahrer mit betörendem Gesang ins Verderben.
die Sisyphusarbeit
Mühsame Arbeit, die nie fertig wird. Nach Sisyphos, der in der Sage ewig einen Stein bergauf wälzt.
Camus deutete die ewige Sisyphusarbeit überraschend heiter: Man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.
Herkunft: Sisyphos war in der Sage der listige König von Korinth, der die Götter betrog und sogar den Tod fesselte.
die Stentorstimme
Gewaltige, alles übertönende Stimme.
Der Bademeister hatte eine Stentorstimme wie Homers Herold Stentor, der so laut rief wie fünfzig Männer.
Herkunft: Nach Stentor, einem Griechen vor Troja, der in Homers ‚Ilias‘ so laut rufen konnte wie fünfzig Männer zusammen.
titanisch
Von gewaltiger, fast übermenschlicher Kraft oder Größe.
Mit titanischer Kraft stemmten die Männer den Maibaum in die Höhe.
Herkunft: Nach den Titanen, dem riesenhaften Göttergeschlecht der griechischen Sage, das vor Zeus herrschte und im Kampf gegen die Olympier unterlag.
der Zankapfel
Der Streitgegenstand, an dem sich alles entzündet.
Der erste Zankapfel war golden: Eris warf ihn unter die Göttinnen, und am Ende stand der Trojanische Krieg.
Herkunft: Eris, die Göttin der Zwietracht, warf in der Sage einen goldenen Apfel mit der Aufschrift ‚der Schönsten‘ unter die Göttinnen.
zyklopisch
Von riesenhafter, roher und überwältigender Größe.
Am Stadtrand steht ein zyklopischer Betonbau, den niemand schön findet.
Herkunft: Nach den Zyklopen, einäugigen Riesen der griechischen Sage.
die Ägide
Schutz und Leitung durch eine Person oder Einrichtung. Fast nur in „unter der Ägide von“, gehoben.
Unter der Ägide des alten Kapellmeisters wurde aus dem Dorfchor ein gefragtes Ensemble.
Herkunft: Griechisch aigís, der Schild des Zeus, den auch Athene trug, nach gängiger Deutung aus Ziegenfell (aix ‚Ziege‘).
der Ödipuskomplex
Die frühkindliche Bindung eines Sohnes an die Mutter, verbunden mit Rivalität gegenüber dem Vater.
Im Psychologiekurs erklärte die Dozentin Freuds Begriff des Ödipuskomplexes.
Herkunft: Sigmund Freud benannte den Komplex nach Ödipus, der in der griechischen Sage unwissentlich seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet.
Feste Wendungen
ein trojanisches Pferd
Etwas harmlos Wirkendes, das Schaden anrichtet, sobald man es hereinlässt.
Der Welpe zum Geburtstag war ein trojanisches Pferd: Seitdem gehört das Sofa ihm.
Herkunft: Aus der Sage vom Trojanischen Krieg: Die Griechen versteckten Krieger in einem hölzernen Pferd, das die Trojaner selbst in ihre Stadt zogen.
homerisches Gelächter
Schallendes, nicht mehr zu bremsendes Gelächter.
Als der Papagei mitten in die Festrede „Langweilig!“ krächzte, brach homerisches Gelächter aus.
Herkunft: Geht auf Homer zurück: In der ‚Ilias‘ brechen die Götter in ein ‚unauslöschliches Gelächter‘ aus, als der hinkende Hephaistos beim Göttermahl den Mundschenk spielt.
olympische Ruhe
Unerschütterliche, fast göttliche Gelassenheit.
Mit olympischer Ruhe servierte der Kellner weiter, während der Nebentisch lautstark über die Rechnung stritt.
Herkunft: Nach dem Olymp, dem Berg, auf dem in der griechischen Sage die Götter wohnen und unberührt auf das Treiben der Sterblichen herabschauen.
Redewendungen
das Füllhorn ausschütten
Großzügig und reichlich Geld, Geschenke oder Wohltaten verteilen.
Kurz vor der Wahl schüttet die Regierung das Füllhorn aus.
Herkunft: In der griechischen Sage stammt das Füllhorn von der Ziege Amaltheia, die den jungen Zeus säugte.
die Büchse der Pandora öffnen
Etwas in Gang setzen, das eine Flut unabsehbarer Probleme freisetzt, die sich nicht mehr einfangen lassen.
Wer beim Familienessen nach dem Erbe fragt, öffnet die Büchse der Pandora.
Herkunft: Nach der griechischen Sage bei Hesiod: Zeus gab Pandora ein Gefäß voller Übel mit.
ein Danaidenfass sein
Eine Sache sein, in die man endlos Mühe oder Geld steckt, ohne dass sie je voll oder fertig wird.
Die Sanierung des alten Bauernhofs ist ein Danaidenfass: Kaum ist das Dach dicht, gibt die Heizung auf.
Herkunft: In der griechischen Sage mussten die Danaiden, die Töchter des Danaos, in der Unterwelt zur Strafe ein durchlöchertes Fass mit Wasser füllen.
in den Olymp aufsteigen
In den Kreis der Besten eines Fachs aufgenommen werden.
Mit dem dritten Stern stieg das kleine Restaurant in den Olymp der Spitzenküche auf.
Herkunft: Der Olymp galt in der griechischen Mythologie als Sitz der Götter.
Philemon und Baucis
Ein altes Ehepaar, das sich nach vielen Jahren noch innig liebt und treu zusammenhält.
Die beiden Alten vom Gemüsestand sind Philemon und Baucis: Er wiegt die Tomaten, sie zählt das Wechselgeld, seit fünfzig Jahren.
Herkunft: In Ovids ‚Metamorphosen‘ nimmt das arme alte Paar Philemon und Baucis die verkleideten Götter Jupiter und Merkur auf, als alle anderen sie abweisen.
sich an den Mast binden lassen
Sich im Voraus selbst die Möglichkeit nehmen, einer absehbaren Versuchung nachzugeben.
Vor dem Shoppingwochenende ließ sich Greta an den Mast binden und gab ihre Kreditkarte ihrer Schwester.
Herkunft: In der Odyssee lässt sich Odysseus an den Mast seines Schiffs binden, um den Gesang der Sirenen zu hören, ohne ihm zu folgen.
von der Muse geküsst werden
Plötzlich eine schöpferische Eingebung haben.
Mitten im Stau wurde Rieke von der Muse geküsst und sprach das Gedicht in ihr Handy.
Herkunft: Die Musen waren in der griechischen Mythologie die neun Göttinnen der Künste, die Dichter und Sänger inspirierten.
wie Phönix aus der Asche steigen
Nach dem völligen Untergang glanzvoll wiederauferstehen.
Nach dem großen Brand von 1666 stieg London wie Phönix aus der Asche.
Herkunft: Nach antiker Sage verbrennt der Vogel Phönix am Ende seines Lebens und steigt verjüngt aus seiner eigenen Asche wieder auf.
